Dokumentation des Berliner Zukunftsgesprächs

"Berliner Wissenschaft - Fit for Future?"

Alle Fotos auf dieser Seite: © IZT / Christian Lietzmann


Termin: 10. Dezember 2019, 18:00-20:00 Uhr

Ort: Mercator Stiftung, ProjektZentrumBerlin

Programm

Sollen WissenschaftlerInnen angesichts der Klimakrise zivilen Ungehorsam üben oder sollen sie unbeirrt ihre Forschungsarbeiten vorantreiben? Stehen ihnen genügend Gelder zur Verfügung, um erfolgversprechende, neue und effektive Wege in eine klimaneutrale Zukunft zu erforschen? Diese und weitere Fragen debattierten am 10.12.2019 Berliner VertreterInnen von Fridays for Future, Scientists for Future und Extinction Rebellion sowie die Koordinatorin der „Zivilgesellschaftlichen Plattform Forschungswende“ und der Direktor des IZT.

Quang-Anh Paasch, Schüler und Klimaaktivist von Fridays for Future machte deutlich, wie enttäuscht er von der Politik und wie dankbar er für den Rückhalt aus der Wissenschaft ist: „Die Parteien im Bundestag sehen die Dringlichkeit der Klimaveränderungen nicht, sie stehen nicht hinter dem 1,5°-Ziel. Aber in Deutschland unterstützen uns 28.000 Wissenschaftler mit ihrer Unterschrift, viele helfen uns mit ihrem Faktenwissen und durch Vorträge wie z. B. im Berliner Naturkundemuseum.“

Cléo Mieulet, Berliner Sprecherin von XR – Extinction Rebellion, zeigte sich hingegen nur teilweise zufrieden mit WissenschaftlerInnen und ihrem Einsatz für Klimaschutz: „Die Scientists for Future beraten uns gut bei unseren Texten. Aber darüber hinaus halten sich die Wissenschaftler zurück.“ Den jungen AktivistInnen von Fridays for Future stellte sie hingegen ein gutes Zeugnis aus - verbunden mit einer klaren Ansage an die auf der Veranstaltung auch anwesende Elterngeneration: „Vielen Dank Fridays for Future. Aber euer Protest hat nur funktioniert, weil ihr auf zivilen Ungehorsam gesetzt habt und freitags nicht nur Schule gegangen seid. – Jetzt müssen wir Erwachsenen den zivilen Ungehorsam üben.“

Cléo Mieulet ließ nicht locker: „Ich bin ungeduldig. In die Politik setze ich keine Hoffnung. Genauso wenig bringt es uns weiter, an den Einzelnen zu appellieren: ‘Flieg nicht, iss kein Fleisch.‘ Stattdessen ist die Zivilgesellschaft gefragt. Wir müssen anfangen!“

Prof. Dr. Stephan Rammler, wissenschaftlicher Direktor des IZT, widersprach: „Ich bin dagegen, dass die Wissenschaft auch auf zivilen Ungehorsam setzt und sich damit auf eine Seite schlägt. Wissenschaft muss gegenüber allen Milieus sprechfähig sein. Wir müssen z. B. auch die Landbevölkerung erreichen. Wir brauchen positive Narrative einer klimaneutralen Lebensweise.“

Dr. Bernhard Steinberger, Wissenschaftler am GeoForschungsZentrum GFZ Potsdam, vertrat das Bündnis „Scientists for Future“ auf dem Podium und betonte: „Wir müssen mehr aus dem wissenschaftlichen Bereich heraustreten und uns direkter an die Politik wenden.“ Steinberger setzt zudem auf neue Formen der Wissenschaftskommunikation: „Ich habe selbst für ‚Scientists for Future‘ ein Video mitproduziert, es hat sich gut verbreitet, auch wenn es natürlich nicht die Abrufzahlen des Rezo-Videos erreicht hat.“

Ein Disput entspann sich um das Instrument „Bürgerversammlung“. Extinction Rebellion setzt darauf, dass per Los gewählte und repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung stehende BürgerInnen wichtige Entscheidungen von nationaler Bedeutung vorbereiten oder beschließen. Frau Mieulet beschrieb ein Beispiel: „In Irland war eine solche Bürgerversammlung beim Thema gleichgeschlechtliche Ehe höchst erfolgreich.“ Herr Rammler (IZT) hielt dagegen: „Extinction Rebellion hat hier eine romantische Vorstellung. Bürgerversammlungen eignen sich nicht für komplexe Fragestellungen. Wir sind eine hochkomplexe Gesellschaft. Trotz der Proteste gegen den Klimawandel steigen bei uns die Treibhausgas-Emissionen. Die Bevölkerung kauft z. B. immer mehr SUVs.“

Cléo Mieulet wies auf das enge Zeitfenster hin, das bleibt, um die Treibhausgas-Emissionen spürbar zu minimieren: „Wenn wir das 1,5°-Ziel einhalten wollen, müssen wir uns fragen: Wie erreichen wir dieses Ziel schnell? Wir haben diese Zeit nicht!“

Stephan Rammler pflichtete ihr bei: „Ihren Ruf nach Dringlichkeit teile ich. Wissenschaft sollte sich mehr in die politische Debatte einbringen. Aber was Sie auch sehen sollten: Die meisten Wissenschaftler sind abhängig von Forschungsmitteln, müssen ihre Arbeitskraft in ihre Forschungsvorhaben und ihre Drittmittelanträge stecken. Außerdem gebe ich zu bedenken: Wissenschaftler sind meist ‚sehr scheue Wesen‘.“

Moderator Dr. Edgar Göll (IZT) versuchte die KontrahentInnen auf dem Podium zu einem Gesamtverständnis zu versöhnen, indem er Ihnen mehrmals das Bild eines Orchesters vor Augen hielt: „Ein Orchester muss vielstimmig sein, sowohl die Bratsche hat ihre Rolle aber auch die Pauke und die anderen Instrumente. Wichtig ist die gemeinsam gespielte Musik.“

Einigkeit bestand bei der Kritik an der deutschen und europäischen Forschungsförderung: Dr. Steffi Ober, Koordinatorin der Zivilgesellschaftlichen Plattform Forschungswende, forderte: „Die Forschungsförderung sollte gleichberechtigt vielfältige Forschungswege fördern. Allerdings ist der einzige Indikator, der in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie für Forschung und Innovation beachtet wird, der Anteil am BIP (3,5 %). Das aber zeigt uns nicht, in welchem Maße die Förderung tatsächlich Nachhaltigkeit stärkt, denn einfache Industrieforschung reicht nicht aus. Gemäß dieser Logik werden jedoch alle Forschungsförderungsprogramme in Deutschland und der EU auf die Paradigmen Wirtschaftswachstums und Konkurrenzfähigkeit der Industrie ausgerichtet.“ IZT-Direktor Prof. Stephan Rammler pflichtete ihr bei: „Die deutsche Forschungspolitik stützt die fossile Wirtschaft, steckt in der alten Pfadabhängigkeit. Nur ein kleiner Teil der Wissenschaft verfolgt gegenwärtig einen ganzheitlichen Ansatz.“

Im Rahmen dieses Berliner Zukunftsgespräches konnten selbstverständlich nicht alle relevanten Aspekte erörtert und Lösungsansätze geklärt werden. Das IZT wird daher künftig verstärkt mit anderen Akteuren und Partnern effektivere Konzepte, konkrete Initiativen und Aktivitäten für eine Transformation in Richtung Nachhaltigkeit und Klimaschutz in Berlin und darüber hinaus erarbeiten. Dazu gibt es bereits zahlreiche Ansätze und Anknüpfungspunkte. 

Dr. Steffi Ober (Zivilgesellschaftlichen Plattform Forschungswende) © IZT / Christian Lietzmann
Quang-Anh Paasch (Fridays for Future) © IZT / Christian Lietzmann
v.l.n.r.: Prof. Dr. Stephan Rammler (IZT) und Cléo Mieulet (XR – Extinction Rebellion) © IZT / Christian Lietzmann
v.l.n.r.: Dr. Bernhard Steinberger ("Scientists for Future") und Dr. Edgar Göll (IZT) © IZT / Christian Lietzmann
Prof. Dr. Heinz-Günter Geis, Bank- und Finanzwirtschaftler, IZT-Aufsichtsrat © IZT / Christian Lietzmann
Dr. Edgar Göll (IZT), Moderator © IZT / Christian Lietzmann
Cléo Mieulet (XR – Extinction Rebellion) © IZT / Christian Lietzmann
 
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