Pressemitteilung |23. März 2020

Studie: Digital vernetzte Mobilität sozial gerecht gestalten

Was sind die sozialen Folgeeffekte der vernetzten digitalen Mobilität? Eine neue Studie, die das IZT für die Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt hat, widmet sich erstmals dieser Fragestellung. Denn Mobilitätsdienstleistungen können sozial exklusiv wirken. Das klare Fazit der Autoren lautet "politische Interventionen jetzt!"

© kallejipp/Photocase

Zum Download der Studie

In Zeiten der Corona-Krise gilt der Individualverkehr, insbesondere das eigene Auto aber auch das Fahrrad, als das Verkehrsmittel der Wahl. Gemeinschaftlich genutzte Mobilitätsdienstleistungen wie Sammeltaxis, Shuttle-Services oder Verkehrsmittel wie U- und S-Bahnen werden wegen der größeren Ansteckungsgefahr gemieden. Eine neue Studie, die das IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung für die Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt hat, setzt sich hingegen mit der digitalen Verknüpfung der Verkehrsmittel auseinander und fragt erstmals nach den sozialen Folgeeffekten.

Der Titel ist bewusst programmatisch formuliert: "Mobilitätsdienstleistungen gestalten. Beschäftigung, Verteilungsgerechtigkeit, Zugangschancen sichern".

En vogue sind digitale Plattformen, die private und öffentliche Mobilitätsanbieter integrieren und über das Smartphone vernetzen. Die Spanne der angebotenen Mobilitätsdienstleistungen reicht von E-Scootern, Leihrädern, Carsharing und Mitfahrgelegenheiten bis hin zu Shuttle-Services, aber auch der ÖPNV ist Teil solcher Plattformen. Dieses dienstleistungsorientierte Konzept ist unter Fachleuten unter dem Begriff "Mobility as a Service" bekannt. Der gesamte Weg wird über ein einziges Portal bzw. über eine einzige Anwendung gebucht, durchgeführt und abgerechnet.

Aus den wenigen bisher vorliegenden empirischen Studien zu "Mobility as a Service" ("MaaS") ziehen die IZT-Hauptautoren das klare Resümee, "dass die sozialen Folgeeffekte von neuen Mobilitätsdienstleistungen sowohl positiv als auch negativ ausfallen können, ohne dass das Gesamtergebnis per saldo absehbar wäre". Ingo Kollosche, Prof. Dr. Stephan Rammler und Dr. Siegfried Behrendt von dem Berliner Forschungsinstitut konzipieren drei Szenarien, um unterschiedliche zukünftige Konstellationen neuer Mobilität und ihrer sozialen Konsequenzen darzustellen. Die Szenarien sind aber nicht mit Prognosen zu verwechseln. Es sind Möglichkeitsräume, die verdeutlichen sollen, was kommen kann. Sie sind Angebot und Aufforderung für politische Auseinandersetzungen über die Mobilität der Zukunft.

"Kommunen am Steuer": So ist das Szenario überschrieben, bei dem der ÖPNV das Herzstück eines kommunalen integrierten Mobilitätssystems bildet. Die Kommune legt verpflichtende Kriterien fest, "damit der Zugang für alle zu diesem System gewährleistet wird". Dazu gehört auch die "Definition bestimmter Sozialstandards, die der MaaS-Anbieter als Arbeitgeber zu erfüllen hat". Die politische Regulierung ist in diesem Szenario sehr präsent und eröffnet auch ländlichen Regionen die Chance, breiten Bevölkerungsgruppen Mobilität abseits des eigenen PKW zu ermöglichen.

Im krassen Gegensatz dazu steht das Szenario "Marktdominanz eines Akteurs". Die Autoren warnen: Mit der Privatisierung eines Teils der Mobilität sowie monopolistischen Strukturen "entschwinden politische Regulierungsmöglichkeiten und das Mobilitätssystem läuft Gefahr, hochgradig ungerecht zu werden". Die Autoren führen aus: "Eine dynamische Preis- und Tarifgestaltung exkludiert auf Dauer Teile der Bevölkerung von der Nutzung der Dienste und würde (bei gleichzeitiger Schwächung des ÖPNV) die Budgets der Einkommensschwachen noch weiter belasten."

Ein weiteres Szenario steht für die "Fragmentierte Mobilitätslandschaft". Hier fehlt es Kommunen und ÖPNV eindeutig (noch) an Regulierungskompetenz, gleichzeitig hat sich kein monopolistischer Privatanbieter herausgebildet, sondern eine hohe Anbieterdichte sorgt für Preiswettbewerb.

Das klare Fazit der Autoren über alle drei Szenarien hinweg lautet "politische Interventionen jetzt!". Nur so kann die neue digital vernetzte Mobilität den Standards von Fairness und Gerechtigkeit genügen sowie Mobilität für alle gewährleisten.

Bibliografische Angaben:
Behrendt, Siegfried; Bormann, René; Faber, Werner; Jurisch, Stephan; Kollosche, Ingo; Kucz, Ingo; Müller, Detlev; Rammler, Stephan (2020): Mobilitätsdienstleistungen gestalten. Beschäftigung, Verteilungsgerechtigkeit, Zugangschancen sichern. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik (WISO Diskurs, 04).

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Pressekontakt:
IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung
Schopenhauerstr. 26, 14129 Berlin
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Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 030-803088-45
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Wissenschaftlicher Kontakt:
IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung
Schopenhauerstr. 26, 14129 Berlin
Ingo Kollosche
Forschungsleiter Mobilität
Tel.: 030-803088-85
E-Mail: i.kollosche(at)izt.de

Links:
Zum Download der Vorgängerstudie:

Rammler, Stephan; Oliver Schwedes (2018): MOBILITÄT FÜR ALLE! Gedanken zur Gerechtigkeitslücke in der Mobilitätspolitik. Berlin: Friedrich Ebert Stiftung, Forum Berlin.

Zur öffentlichen Diskussion der Studie mit Podiumsgästen (verschoben)

 

 

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